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Militant vegan oder doch nur konsequent?
Alles für's Tier – ist das zu militant? (Grafik: Animal Liberation Front)

Militant vegan oder doch nur konsequent?

Selbst von vegan lebenden Menschen bekommen andere vegan lebende Menschen oft Militanz vorgeworfen. Aber auch umgekehrt funktioniert das Muster, so werfen überzeugte VeganerInner anderen Menschen häufig mangelnde Konsequenz vor. Doch was ist der richtige Weg?

Die Definition des Veganismus

Wenn man, besonders in sozialen Netzwerken, Diskussionen zum Thema Veganismus verfolgt, fallen einem immer wieder ähnliche Vorwürfe auf. Die/der eine unterstellt der/dem anderen mangelnde Konsequenz oder alternativ, als Gegensatz dazu, Militanz. Doch dazu muss man sich zunächst einmal damit beschäftigen, was Veganismus bedeutet und wie dieser definiert wurde. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert Veganismus wie folgt:

Der Veganismus lehnt nicht nur den Verzehr von Tierkörpern, sondern überhaupt jede Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab.

Hierbei nimmt der Artikel Bezug auf den Duden, in dem es heißt:

[ethisch motivierter] völliger Verzicht auf tierische Produkte bei der Ernährung u. a.

Die Vegan Society, die man im Grunde als Urheber des Wortes »vegan« bezeichnen kann, wird hier etwas deutlicher:

Veganism is a way of living which seeks to exclude, as far as is possible and practicable, all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose.

Da die Definition eines Wortes seinem Schöpfer überlassen sein sollte, kann man also die Vegan Society hier durchaus als beste Quelle nehmen. Übersetzt heißt das soviel wie:

Veganismus ist eine Lebensweise die es anstrebt, soweit es möglich und durchführbar ist, alle Formen der Ausbeutung von und Grausamkeit an Tieren für Nahrung, Kleidung oder jeden anderen Zweck auszuschließen.

Eine ziemlich eindeutige Definition. Hier ist die Rede von jeder Ausbeutung und jeder Grausamkeit bzw. Gewalt, egal zu welchem Zweck. Also wird hier ganz offiziell nicht nur von Nahrungsmitteln sondern auch von allem anderen geredet. Hierdurch schränkt sich der Spielraum bereits ziemlich ein. Wer sich selbst vegan nennt, sollte also schon gewissermaßen nach diesem Maßstab leben. Doch wie es immer ist, so ist auch diese Definition natürlich nicht frei von Lücken. So kann man natürlich darüber streiten, was denn nun möglich und durchführbar ist und wie man Ausbeutung definiert. Auch wenn dies für viele Menschen klar ist, so gibt es doch viele, die hier Abstriche machen.

Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt ist, ob das noch im berühmten Sinne des Erfinders ist. Ich aus meiner Position heraus beantworte diese Frage mit einem klaren Nein. Es geht bei den Möglichkeiten nicht um die persönlichen Präferenzen sondern um das Machbare. Nicht das Ego entscheidet hier sondern die Industrie. An die Grenzen des Möglichen stößt man beispielsweise, wenn man Produkte kauft, deren Transport in Lieferwagen mit Lederausstattung stattfindet oder wenn man aus gesundheitlichen Gründen gezwungen ist, Medikamente zu nehmen, die an Tieren getestet wurden. Wenn jedoch die eigenen Befindlichkeiten die Grenzen des Möglichen bestimmen, dann ist das mitnichten vegan.

Vegan oder nicht vegan, das ist hier die Frage

Viel einfacher ist diese Frage jedoch bei Menschen zu beantworten, die ausschließlich bei ihrer Ernährung auf Veganismus achten, in sonstigen Bereichen des Lebens jedoch nicht. Diese fallen selbst mit viel gutem Willen nicht unter die Veganismus-Definition der Vegan Society. Diese Menschen kann man durchaus als nicht vegan bezeichnen, auch ohne direkt militant zu sein. Schwierig wird es in der Regel auch erst dann, wenn nicht komplett vegan lebende Menschen beginnen, sich ihre eigene Definition soweit zurecht zu basteln, dass sie selbst noch irgendwie in die Grenzen des Möglichen zu fallen. Doch warum können die Menschen nicht ehrlich mit sich selbst sein? Niemand, der das Leiden von Tieren aus eigenen Befindlichkeiten heraus in Kauf nimmt, kann sich ernsthaft VeganerIn nennen. Warum sich also mit fremden Federn schmücken, mitunter im wahrsten Sinne des Wortes?

Doch ist es militant, seinen eigenen Standpunkt in einer Diskussion zu behaupten? Wieder eine Frage der Definition. Für viele ist der Begriff Militanz eher anderswo verortet, nämlich dort, wo es darum geht, die Befreiung von Mensch und Tier auch in sogenannte direkte Aktionen umzusetzen. Seien es Tierbefreiungen oder auch nur Demonstrationen. Zuletzt genannte Dinge sind keinesfalls ein »must have« für VeganerInnen, denn selbstverständlich kann jede/r in ihrem/seinem Aktivismus soweit gehen, wie sie/er es für nötig hält. Die einen durch bloßen Verzicht, die anderen durch direkte Aktionen und Schaffung einer Öffentlichkeit.

Und ist es militant, zu versuchen, andere Menschen von seiner Einstellung zu überzeugen? Wohl eine Frage der Mittel. Ist das Mittel die Aufklärung und die Diskussion, so kann man dies wohl kaum als Militanz bezeichnen. Denn der Austausch verschiedener Meinungen und Ansichten ist Teil des menschlichen Entwicklungsprozesses. Doch wenn es darum geht, andere Lebensweisen strikt abzulehnen und sie, so richtig das auch sein mag, zu verteufeln, dann ist das eine Form von Militanz. Dadurch fühlen sich viele Menschen, häufig zu Recht, angegriffen, selbst VeganerInnen.

Ich persönlich kann Militanz durchaus nachvollziehen. Häufig entsteht diese aus positivem Tatendrang und führt ebenfalls zu positiven Veränderungen, sie rettet häufig Leben. Hin und wieder entsteht Militanz allerdings auch aus Frust. Wer Dinge verändern will aber keine Veränderungen sieht, der wird häufig seine Denkmuster und seine Handlungsweisen radikalisieren. Auch dies ist ein Prozess, der nicht per se schlecht ist. Kommen wir aber zurück zu den sozialen Netzwerken bzw. dem World Wide Web generell. Hier ist eine beidseitige Militanz oft die Folge von Missverständnissen und unüberlegten Postings. Besonders im Internet, wo sich jede/r anonym austoben kann, ist der Weg zur Beleidigung nicht weit. Zu beobachten ist dies allerdings auf beiden Seiten einer Diskussion. Sowohl bei den vermeintlich Militanten als auch bei ihren Gegnern.

Die Diskussionskultur im Internet macht’s einfach, wüst um sich zu schlagen und sich dabei als glorreicher und überlegener Sieger der Schlacht zu sehen. Doch was sich jede/r klar machen muss ist der Nutzen, den die Tiere daraus ziehen, und um die geht es letztlich. Ist den Tieren geholfen, wenn sich die Fronten verhärten? Sicher, bei manchen Menschen ist Hopfen und Malz verloren, aber bei allen anderen wäre es doch angemessen, sich auf einer sachlichen Ebene auszutauschen. Es gibt genug überzeugende Argumente für den Veganismus auch außerhalb der Mahlzeiten. Und es wäre hilfreicher, Menschen, die sich vegan nennen aber es nicht konsequent leben, lieber aufzuklären, warum ihre Selbstbezeichnung falsch ist und warum die Konsequenz der bessere Weg wäre, als sie sofort anzugreifen und zu verurteilen. Denn wenn man bereits an dem Punkt ist, sich vegan zu nennen, ist oft der fehlende Schritt nur noch ein sehr kleiner.

Ein Fazit

Um eines klar zu sagen: Veganismus heißt klipp und klar, Tierleid und -ausbeutung zu vermeiden und zu verhindern, so gut es eben geht. Veganismus hat nichts ausschließlich mit Ernährung zu tun sondern er umfasst das ganze Leben. Wer sich vegan nennt, der sollte sein Leben auch danach ausrichten. Statt sich eigene Regeln zu schaffen wäre es vielleicht sinnvoller, sich eine eigene Bezeichnung zu schaffen. Dann kommt es auch nicht zu Missverständnissen. Dennoch sollte sich die Diskussionskultur grundlegend ändern, weg vom Krawall – hin zum Diskurs.

Ich persönlich finde, dass Menschen, die sich aus einer Befindlichkeit heraus tierische Waren kaufen, keine VeganerInnen sind. Auf Lederschuhe und Honig, um zwei populäre Beispiele zu nennen, kann man problemlos verzichten, dazu hat man jede Möglichkeit.

Ist das militant? Nein, vegan.

5 Kommentare

  1. Vielleicht nicht ganz passend zu obigem Artikel, aber als ich die Definition(en) von „Veganismus“ oben gelesen habe, ist mir (ich muss zugeben, zum ersten Mal) folgende Frage eingefallen, deren Antwort mich **wirklich** interessieren würde:

    Ist die Haltung eines Haustiers (Hund, Katze, Hase, Meerschweinchen, Hamster, Goldfisch, …) mit der veganen Lebensweise (gemäß der Definition der Vegan Society) vereinbar?

    • Hallo Olli,

      eine interessante Frage. Ich denke, wenn Du Dir die Tiere aus dem Heim holst, wo sie alternativ ein ziemlich tristes und einsames Leben führen, dann ist das völlig in Ordnung. Bisweilen sind diese „Haustiere“ ja in der Regel auch so gezüchtet, dass sie mit ihren freilaufenden Artgenossen nur noch wenig gemein haben. Ziel ist es, das Leid der Tiere zu vermeiden. Wenn man ihnen also ein Zuhause bietet, welches sie sonst nicht hätten, wird dem das sehr gerecht. Natürlich muss man bezüglich ihrer Freiheit Abstriche machen, was alleine der Tatsache geschuldet ist, dass Du Verantwortung für sie übernimmst. So kannst Du einen Hund ja beispielsweise nicht vor ein Auto laufen lassen, sondern Du leinst ihn an der Straße womöglich an. Ein Tier gelangt durch eine Aufnahme in Deinem Haushalt in Deine Abhängigkeit. Letztlich geht es da um die Frage, ob das Tier, dass Du aufnimmst, bei Dir ein besseres leben führen kann als es ihm sonst bevor stünde. Wenn Du das mit ja beantworten kannst, bist Du auf der richtigen Seite.

      Anders sieht es in meinen Augen bei einem Kauf beim Züchter oder in der Zoohandlung aus. Diesen kann ich persönlich weder unterstützen noch gut heißen. Nicht nur, dass hier oft mit dubiosen Mitteln gehandelt wird, sondern es ist dieselbe Ausbeutungsindustrie wie jede andere auch. Tiere werden des Profits wegen geschwängert/geboren. Grundsätzlich sollte es natürlich Ziel sein, dass es diese Haustier-Industrie nicht mehr gibt. Solange sich diese aber nicht abschaffen lässt gilt es, die „Überbleibsel“ dieser Industrie zu pflegen. Damit unterstützt Du die Industrie nicht direkt, hilfst aber einigen Lebewesen, die von dieser Maschinerie ausgestoßen wurden.

      • @Lars:
        Danke für die fundierte und differenzierte Antwort. Ähnliches hatte ich mir auch schon überlegt: Im Grunde ist ja schon das reine Halten eines Tieres wider seine natürliche Lebensweise bzw. eine Ausbeutung des Tieres. Deine Ausnahme mit den Tieren aus dem Heim („besseres Leben als im Heim“) finde ich berechtigt. Andererseits muss man sich aber selbst hier die Frage stellen, ob nicht z.B. ein Hund auch in die „freie Natur“ ausgewildert werden könnte und es ihm dort evtl. besser gefallen würde bzw. das sein natürlicherer Lebensraum ist (je nach Hunderasse vielleicht eine etwas realitätfremde Annahme, ich weiß…).

        Nur: Was **ist** eigentlich der „natürliche Lebensraum“ eines Pekinesen, einer Angora-Katze oder generell eines Haustieres, das es in der freien Wildbahn gar nicht gibt bzw. dort gar keine Überlebenschance hätte?

        Und umgekehrt: Wo genau liegt dann eigentlich die „Ausbeutung“ eines Haustieres, wenn es diesem Tier gut geht und es ein schönes Leben (zumindest unter menschlicher Betrachtungsweise) hat. Was **ist** überhaupt ein „schönes Leben“ für ein (Haus-)Tier? Eine Wildkatze oder ein Wolf muss jeden Tag ums Überleben kämpfen. Geht es einer gut gepflegten Hauskatze oder einem gut gepflegten Hund jetzt eigentlich besser oder schlechter als der Wildkatze oder dem Wolf?

        Das hört sich vielleicht alles ein bisschen sehr spitzfindig an, aber vermutlich gibt es bei dieser Debatte (so wie auch sonst überall) eben nicht nur schwarz (böser Tierausbeuter) und weiß (guter Veganer),

      • Oh mir ist eben aufgefallen, dass ich meinen letzten Satz ja noch gar nicht beendet hatte… 😉

        Also nochmal:
        Das hört sich vielleicht alles ein bisschen sehr spitzfindig an, aber vermutlich gibt es bei dieser Debatte (so wie auch sonst überall) eben nicht nur schwarz (böser Tierausbeuter) und weiß (guter Veganer), sondern auch noch zig Zwischenstufen (Veganer mit Haustier, um das er/sie sich **kümmert** und es dabei **nicht** ausbeutet).

    • Das finde ich eine sehr interessante Frage, die du hier aufgeworfen hast. Ich würde da eine klare Unterscheidung machen zwischen Tieren, die normal in der Natur leben, bzw. leben sollten, und solchen, die als „Haustiere“ gezüchtet wurden. Diese könnten sicher auch in freier Wildnis leben, aber sind aufgrund ihrer meist jahrhundertelangen (oder sogar längeren) menschennahen Züchtung und Lebensweise sehr auf den Menschen fixiert. Ich glaube, dass man dann dabei schon davon ausgehen kann, dass sie sich damit auch wohl fühlen, und es vielleicht sogar brauchen, vorausgesetzt sie werden entsprechend behandelt. Es ist sozusagen eine Art Symbiose zwischen Mensch und Tier entstanden, wobei beide Seiten ihren Zweck und auch ihre Aufgaben erfüllen. Das ist meine Sicht auf dieses Thema. Ich habe letztens eine Doku gesehen über die Unterschiede zwischen Hund und Wolf, und dabei wurde dies sehr deutlich. Ein Hund ist von Geburt an extrem auf den Menschen fixiert, es liegt sozusagen in seinen Genen. Im Gegensatz dazu ist der Wolf nicht mal mit Training an dieses Verhalten zu gewöhnen, wie es der Hund zeigt. Er ist und bleibt immer wild, und würde in „Gefangenschaft“ eines Menschen nichts zu suchen haben. (Obwohl es viele gibt, die das versuchen, mehr oder weniger erfolgreich…) Ich fand das unglaublich spannend, dies komplett unterschiedlichen Energien dieser Tiere zu spüren. Ein Hund ist eben kein wildes Tier mehr.

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